Der Tod hat viele Gesichter – Leben und Sterben der Häftlinge von Stutthof

Überlebende berichten

Die Neuankömmlinge wurden auf dem Platz des alten Lagers in Gruppen eingeteilt. Sie warteten oft den ganzen Tag und länger ohne Rücksicht auf das Wetter und die Jahreszeit. Häufig wurden sie geschlagen, bevor man sie in die Lagerliste eintrug. Auf dem Platz mußten die Häftlinge sich völlig entblößen, alle ihre Sachen mußten in das Magazin abgeliefert werden. Dann wurden sie geschoren, die Frauen sowohl wie die Männer, man sucbte nach Wertgegenständen in den natürlichen Körperöffnungen. Dann folgte das Bad. Dies alles wurde von Schlägen begleitet, um die neuen Gefangenen moralisch zu brechen. Nach dem Bad erhielten sie Lagerbekleidung, eine Nummer, und es wurden die Personalien niedergeschrieben. (Zdzislaw Lukaszkiewicz)
In den Stuben schliefen wir auf Stroh. Wir lagen einer neben dem zweiten. Die Enge war so groß, daß, wenn sich jemand in der Nacht auf die Seite drehen wollte, mußte sich die ganze Reihe der Liegenden umdrehen. Anders war das nicht möglich. Wenn man weggegangen wäre, hätte man keinen Platz mehr gefunden. (Jan Kostrzewa)
Der Tod hatte, ebenso wie das Leben im Lager, für den von der Seite Zusehenden keinerlei heroischen Zug. Die Menschen starben an einer Kugel, einem Schlag, im Gas, durch den Todesschuß usw., aber auch vor Hunger, im Zustand des Stumpfsinns und der äußersten Gleichgültigkeit, infolge von Krankheiten, Epidemien; sie starben im Dreck und dem Gestank ihres Lagerwinkels, verwesten durch die den ganzen Körpern bedeckenden eitrigen Wunden, und Läuse sowie anderes Ungeziefer, treue Gefährten ihres Lagerschicksals, verließen ihre Leichen erst, wenn sie sich zu anderen begaben. Viele befanden sich im Zustand des völligen physischen Ruins, des psychischen Zusammenbruchs, der Gleichgültigkeit und der Apathie. Sie schleppten sich durch das Lager immer hungrig, dreckig, verlumpt und verlaust. Diejenigen, die um ihr Leben nicht kämpfen durften, konnten oder nicht dazu imstande waren, starben (stehend) in einer völlig hungrigen Euphorie, mit Schaum vorm Mund, mit der Freude, daß ihr Leben zu Ende geht. "Ich habe nie gesehen," schreibt Jerzy Orlowski, "daß ein KZler, der zum Muselmann*) wird, zum Leben Lust gehabt hätte, deshalb habe ich in meinen Erinnerungen den Hungertod einen leichten Tod genannt, selbstverständlich in der letzten Phase."
*) Muselmann = Bezeichnung unter Häftlingen für Hungerkranker: Die durch Mangelerscheinungen entstehenden Hautentzündungen, u.a. am Kopf, wurden mit Tüchern abgedeckt, was dann den Eindruck eines Turbans erweckte.
Wer wird sich darüber wundern, daß Menschen, denen man unter normalen Verhältnissen nicht das geringste vorwerfen konnte, Menschen mit Hochschulbildung, dich ein Schwein nennen, dem Nachbarn Brot stehlen, sich vor den Hieben schützen, auch wenn du sie dafür erhältst, ihr Leben ganz bewußt auf der frechen Lüge aufbauen. Wir Gefangene hören auf, uns darüber zu wundern. Bald sind wir auch über dem Abgrund. Wenn die Hungervorstellungen den fieberhaften Kopf beherrschen, werden wir auch neidisch auf denjenigen schauen, der es noch versteht, seine kleine Portion Brot einzuteilen, wozu wir nicht mehr fähig sind. Ruhige Menschen werden zänkisch, beherrschte - gewalttätig. Sie werden einander vor dem Schlafengehen die warme Ecke entreißen, sie werden sich buchstäblich um jeden Zentimeter der Schlafstelle schlagen. Sie werden mit scheelem Blick auf denjenigen sehen, den sie selbst gewählt haben, wie er das Brot in gleiche Stücke teilt. Sie werden mit dem Zollstock das Brot messen, bevor sie es in Stücke teilen. Gebildete Menschen werden dich darum bitten, daß du ihnen nach dem Mittag deine Schüssel gibst, die du schon genau ausgeleckt hast, damit sie sie nochmals ausspülen und das Spülwasser austrinken können. Sie werden sich über die faulen Kartoffeln werfen, über die Küchenabfälle, die sie in ihrem Stroh zusammen mit Läusen aufbewahren, um sie dann mit der Schale heimlich zu essen. Sie werden eine bei der Revision gerettete Speckschwarte ins Bett nehmen, sie heimlich unter der Decke vor Hunger lange sau-gen. (Wojciech Gajdus)
Als Folge der schweren Lagerbedingungen wurde eine Reihe von Krankheiten als in dieser Situation normal angesehen, und man achtete nicht auf so alltägliche Krankheiten, wie es Hautkrankheiten waren, so wie Krätze, Furunkel usw., die als Folge des Fehlens von elementaren sanitären und hygienischen Einrichtungen massenweise entstehen mußten. Alle sahen den sehr häufig auftretenden Durchfall auch als eine unter diesen Bedingungen normale Krankheit an. Diese unter normalen Bedingungen harmlose Krankheit war der Alptraum der Häftlinge, besonders der älteren, von einer schwächeren physischen Kondition und kleinerer Widerstandskraft gekennzeichneten, und der kranken Menschen. Das brachte den Häftling oft in eine Situation, die, wenn sie nicht bedrohend war, so doch unangenehm, besonders in der Nacht oder zur Arbeitszeit. Nicht genug, daß er den Platz auf dem gemeinsamen Strohlager verlor, er konnte auch von der Wache auf dem Lagerturm erschossen werden, der er seinen Weggang melden mußte, der Wachmann konnte jedoch entweder nicht.hingehört haben, oder es ging ihm um einen Urlaub "für Verhinderung einer Flucht".
Die Beschäftigung in den Arbeitskommandos, beim Abschlagen und Roden des Waldes, bei Transport und Verarbeitung des Holzes, beim Bau von Wegen, Winterarbeiten, beim Transport, zu dem Wagen verwendet wurden, denen Menschen vorgespannt waren, in Steinbrüchen, in der Ziegelei entsprach fast einem Todesurteil, dem man nur durch die Versetzung aus einem solchen Kommando entkommen konnte.
Von einem anderen Kommando handelt ein Schreiben vom 14. Januar 1945. Der 1 .Schutz-
haftlagerführer T.K.J.Meyer informiert die Kommandantur, daß im Zeitraum vom 11. bis zum 31. Dezember 1944 im Außenlager Thorn OT*) 169 Frauen starben. Als Todesursachen wurden Herz- und Lungenkrankheiten und allgemeine Körperschwäche angegeben.
Manche Arbeiten waren Schikanen, z.B. die Pfarrer und Juden mußten die Senkgruben leer-machen und die Jauche wegfahren. `Am Osterfeiertag mußten wir mit den Juden die Latrinen entleeren. Die armen Juden wurden noch schlimmer als wir behandelt. Sie wurden in die Senkgrube gesteckt, standen tief im Kot, reichten die vollen Eimer hinauf und begossen sich dabei mit Jauche:'(Pater Henryk Maria Malak)
Besonders umfangreiche Dokumentationen sind über die Verhältnisse im Krankenrevier des KZ Stutthof erhalten. Die Aussagen stammen größtenteils von Häftlingen, die hier als Pfleger eingesetzt wurden und oftmals nur deswegen überlebten, weil sie es .schafften, Tote zu verheimlichen und deren Essensrationen zu verstecken, um .sie .später zu essen.
Über die Tragödie dieser Menschen schreibt Czeslaw Majewski: "Am meisten setzten , ihnen die Läuse zu. Wenn ein Kranker starb und die Leiche anfing, kalt zu werden, zog das Gewimmel von Ungeziefer zu denen um, die noch lebten. Wer das nicht erlebt, nicht gesehen hat, kann sich diesen grauenvollen Anblick nicht vorstellen. Das Wegrücken von einem Sterbenden oder Toten war nicht möglich, weil der Platz fehlte. Die Leichen wurden nur einmal täglich am Morgen weggetragen, und die Läuse hatten fast immer genug Zeit, sich zum nächsten Kranken zu begeben, der manchmal sogar 24 Stunden neben dem Toten zwangsweise liegen mußte:'
Die Kranken wuschen sich nicht, weil sie kein Wasser bekamen. Das war auch überflüssig, weil sie alle dem Tode geweiht waren. Manchmal versuchte jemand, die Hände zu waschen, und opferte dafür etwas von seinem Kaffee, dann trocknete er die Hände an der schmutzigen Bekleidung. Es war eine symbolische Geste des Waschens. Kranke, die nicht zum Klosett gehen konnten, stießen das nasse Stroh beiseite und schoben sich trocknes von den Füßen und dem Rücken unter. Danach hatten sie die Hände mit Kot beschmutzt, dessen Spuren sie auch auf den Gesichtern trugen, da sie sich mit den schmutzigen Händen vor den Läusen am Kopf und Gesicht wehrten. Den angetrockneten Kot entfernten sie mit den Fingernägeln von der Haut. Zu Mittag tranken sie die Suppe aus einer Schüssel (es gab keine Löffel), die sie in den ungewaschenen Händen hielten. Die schmutzige Schüssel mit einem Dreckrand gebrauchten viele Gefangene nacheinander: Gesunde und Kranke. Die Folge war, daß die Gesunden auch erkrankten und starben. (Czeslaw Majewski)
In den nächsten Jahren (1942) verbesserte sich die Versorgung des Reviers mit Medika-menten sehr. Die Medikamente, die sich in der Lagerapotheke befanden, reichten aus, um die Kranken zu heilen. Die Situation mit den Medikamenten verbesserte sich nach der Besetzung von Litauen und Lettland. Damals kamen von dort Medikamente nach Stutthof. Es war eine Masse Medikamente da. Die Versorgung war größer als in der Freiheit. Die Verpflegung jedoch blieb genau die gleiche, d.h. sie unterschied sich im Prinzip nicht von der Verpflegung im Lager. 1942 war es verboten, Päckchen nach Stutthof zu schicken, und damals brach im Lager ein furchtbarer Hunger aus. Aus dem Kommando der im Wald Arbeitenden brachte man uns täglich 30 bis 40 Tote und warf sie auf einen Stapel neben dem Revier. Eigentlich waren das noch lebende Menschen, aber sie konnten sich weder bewegen noch irgendetwas sagen. Sie wurden einer nach dem anderen liquidiert. (Jan Kostrzewa)
`Liquidieranstalt' war der von den Häftlingen verwendete Name und diese Revierbezeichnung entstand, da bekannt wurde, daß im Revier heimlich gemordet wurde. Die Häftlinge hatten Angst,ins Revier zu gehen, denn sie wußten, was sich dort ereignete. Als die Pfleger aus Dachau kamen, prägte sich die Angst vor dem Revier ein. Die Leute wollten lieber auf den Blöcken sterben, als zum Revier zu gehen und dort mit der Spritze erledigt zu werden. Die Pfleger waren besonders in der Durchführung der Liquidierung von Kranken ausgebildet. Bis zu diesem Zeitpunkt brachte man die Kranken nicht massenweise um. Seit der Ankunft der Pfleger aus Dachau fing man jedoch mit der Massenliquidierung der Kranken mit Veneninjektionen von Sublimat an. Ich weiß, wie die Sublimatinjektionen stattfanden, denn ich habe diejenigen, die man liquidiert hatte, hinausgetragen. Nach den Sublimatinjektionen lebte ein Mensch noch bis zu 15 Sekunden. Sublimat wirkte blitzartig. (Jan Kostrzewa)
Auf welche Art und Weise man mit kranken Häftlingen kurzen Prozeß machte, die die Ruhe im Revier störten, indem sie ganze Tage und Nächte stöhnten, beschreibt der ehemalige Stutthof-Häftling Jan Strycharczyk in seinen Erinnerungen: `Auf Befehl eines SS-Mannes, der im Lager den Spitznamen "Bomba" hatte, trugen nach 21 Uhr, als die Baracken schon in Dunkelheit gehüllt waren, zwei Pfleger einen Kranken ins Bad, wo die Wanne war. Nach einer Weile stand ich auf und ging auf den ruhigen Gang, wie aufs Klo. Ich bemerkte im Bad Licht. Ich blickte durchs Schlüsselloch, sah den Kranken in der Wanne liegen, zwei Pfleger hielten ihn an den Händen, der Mund des Kranken ist unter dem Hahn, aus dem Wasser in den Mund lief. Das ereignete sich täglich."
Aus den Fenstern des Reviers war alles zu sehen, was sich in der Nähe von Krematorium und Gaskammer ereignete. Wir haben gesehen, wie Foth während des Appells Erschießungen durchführte. Er konnte während des Mittagessens 60 Personen erschießen. Gegen Abend führte Rapportführer Chemnitz noch einmal Erschießungen durch. Während der Durchführung von Exekutionen beim Krematorium befahl man uns, die Fenster im Spital besonders zu verdunkeln, aber die Kranken, die hörten, was dort geschah, wurden ohnmächtig. Im Revier hatte ich eine Kapelle mit drei oder vier Musikern. Um das, was sich vor dem Krematorium ereignete zu übertönen, mußten sie spielen, damit die Kranken den Verstand nicht verlieren würden, aus Angst vor dem, was draußen geschah. Der ganze Exekutionsplatz war mit SS-Männern besetzt, die die Waffe bereit zur Erschießung hielten. Die Verurteilten hatten gebundene Hände. Man führte sie zu Paaren hinter die Kaninchenställe. Bei der Exekution war die gesamte Führung der SS anwesend.
Endlösung am Bernsteinstrand

Walter und Otto von Keudell



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